Sturm Konrad und Gastfreundschaft in Zagra Folge 15

Der Sonnenschein trügt. Es ist unglaublich kalt. Immer noch feucht, was das Ganze noch viel kälter macht.

So beginnt Tag 108. Nicht mit Aufbruchsstimmung, nicht mit Vorfreude, sondern mit zitternden Fingern und dem nüchternen Blick auf eine Situation, die sich einfach nicht bessern will. Die Höhle – diese felsige, windgepeitschte Unterkunft irgendwo in einem Gebirge im Südwesten Spaniens – hat ihren Charme verloren. Wenn sie denn jemals einen hatte.

Konrad lässt nicht locker

Seit fast drei Wochen begleitet mich Sturmtief Konrad. Drei Wochen. Das ist kein kurzes Unwetter mehr, das ist eine persönliche Fehde. Konrad hat gestern meine Energica Experia umgeblasen – einfach so, während ich kurz nicht hingeschaut habe. Ich habe dann eine gefühlte Ewigkeit damit verbracht, das Motorrad wieder aufzurichten und auf Schäden zu untersuchen. Hoffentlich alles nur äußerlich. Hier oben festzustecken wäre echt keine Option.

Und genau das ist auch das andere Problem: Laden. In der Höhle kann ich die Experia nicht laden. Zu viel Steinschlag-Risiko, zu ungeschützt. Das bedeutet, ich sitze auf einem Akku, der sich nicht regeneriert, während der Wind um die Felsen pfeift und Solovino mich mit einem Blick anschaut, der ungefähr sagt: „Ich hab das von Anfang an gewusst.”

Ein paar Tage zuvor hatte ich Caesar und Beatrice kennengelernt – kurz nach einer Polizeikontrolle auf dem Weg zur Höhle. Die beiden haben mich eingeladen, ein paar Nächte bei ihnen im Dorf zu verbringen. Ich hatte dankend abgelehnt, weil ich dachte, ich komme schon klar. Ich komme nicht klar. Also: Plan B. Oder C. Oder wie viel wir schon durch sind.

„Vielleicht ein, zwei Nächte bei ihm verbringen. Oder drei. Oder vier?” – habe ich zu mir selbst gesagt, während ich mein Zeug zusammengepackt habe. Dass ich selbst über diese Aussage gelacht habe, zeigt vielleicht, wie weit mein Optimismus schon aufgebraucht ist.

Solovino, der unzuverlässige Sicherheitsbeauftragte

Das Packen selbst ist ein eigenes Abenteuer, wenn man einen Hund dabei hat, der das Motorrad als persönlichen Feind betrachtet. Solovino hat wieder seinen Job gemacht: Er hat die Experia angebellt. Laut. Ausdauernd. Mit vollem Einsatz.

Er sieht es als seine persönliche Aufgabe, das Motorrad anzupeilen, wenn ich losfahre. Das werde ich wohl auch nicht mehr aus ihm rauskriegen. Dabei ist er ansonsten eigentlich ein entspannter Typ – solange man ihm einen Ball zuwirft oder ein Stück Brot hinschmeißt, ist seine Aufmerksamkeit sofort woanders. Aber das Motorrad? Das Motorrad ist sein Erzfeind. Jeden. Tag. Neu.

Ich habe die Boxen erst kurz vor der Abfahrt vollständig beladen, weil ich nicht wollte, dass der Wind das vollbeladene Bike nochmal umwirft. Einmal reicht. Wirklich.

20 Kilometer, Schafe und Windräder

Zu dem Dorf sind es etwa 20 Kilometer. Ich hatte gehofft, wir begegnen auf dem Weg nicht zu vielen Schafen – auf dem Hinweg war das nämlich etwas knifflig. Solovino und Schafe sind eine Kombination, die ich nur bedingt empfehlen kann. Spoiler: Es gab Schafe. Solovino hat sie gejagt. Kurz, aber eindrücklich.

Die Fahrt durch die windige Berglandschaft ist trotz allem beeindruckend. Windräder soweit das Auge reicht – was irgendwie auch symbolisch passt, wenn man mit einem E-Motorrad und dem Traum von erneuerbarer Energie unterwegs ist. Solovino sitzt in seiner Box und schaut sich um, als würde er die Aussicht beurteilen. Er scheint zufrieden. Ich auch, mehr oder weniger.

Das Dorf, das in den Felsen lebt

Und dann stehe ich davor und bin einfach still.

Das Dorf ist in die Felsen gebaut. Wirklich hineingebaut – kleine Häuschen, die sich in den Stein schmiegen, als hätten sie dort immer hingehört. Ich musste die Experia draußen parken, weil es mit dem beladenen Motorrad schlicht zu eng war, aber der Blick von dort oben… den kann man nicht in Worte fassen. Den muss man einfach erleben.

Aus der einen Höhle die nächste Höhle. Aber diese bestimmt komfortabler, glaube ich.

Caesar und Beatrice kommen tatsächlich raus, um mich abzuholen und mir zu zeigen, wo ich die Experia abstellen kann. Was dann folgt, ist eine dieser Szenen, die man so nicht planen kann: Wir versuchen, ein 270-Kilo-Motorrad auf einem unebenen Olivenhain-Pfad zu wenden. Caesar schiebt, ich lenke, Solovino bellt die ganze Zeit – weil er findet, dass hier noch nicht genug Chaos herrscht. Durch enge Olivenbäume, durch ein schmales Tor, die Gassen des Dorfes entlang.

Ich habe kurz überlegt, ob ich auf einen Roller umsteigen sollte. Mein Rücken würde es mir danken. Nee, Spaß. Das Motorrad ist schon immer noch das coolste, und so was gehört dann halt auch dazu.

Angekommen

Als wir schließlich das Haus von Caesar und Beatrice erreichen, bin ich müde. Nicht nur körperlich – diese Mischung aus schlechtem Schlaf, Kälte, Wind und der ständigen Frage, ob das Bike okay ist, zehrt an einem. Aber gleichzeitig ist da dieses Gefühl, das schwer zu beschreiben ist.

Ich bin bei Menschen. Echten, freundlichen Menschen, die mir ihr Zuhause öffnen, ohne etwas dafür zu verlangen. Die mich einfach aufnehmen – mich, mein riesiges Elektromotorrad, meinen bellenden Straßenhund und mein ganzes Chaos.

Diese Reise ist mehr als nur Kilometer. Sie ist ein Experiment, ein Traum und ein Weg. Aber jetzt hat sie auch ein Zuhause – zumindest für ein paar Tage. Oder drei. Oder vier.

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