Es gibt Tage, an denen das Leben einfach seinen eigenen Plan hat. Tag 57 meiner Elektroweltreise von Deutschland nach Bangladesch war so ein Tag – und er hat mich mehr gelehrt als hundert reibungslose Etappen es je könnten.
Krank in Pombal – und kein warmer Ofen weit und breit
Angefangen hat es schon mit einer ordentlichen Erkältung. Die kalten Nächte im Van hatten ihren Tribut gefordert, also mietete ich mir kurzerhand eine kleine Wohnung in Pombal für ein paar Tage – auskurieren, Kräfte sammeln, wieder auf die Beine kommen. Klingt gut, oder? Dachte ich auch. Bis ich rausfand, dass die Wohnung keine Heizung hat. Okay, dachte ich, dann schmeißen wir halt den Holzofen an. Und dann klingelt die Vermieterin und erklärt mir freundlich, aber bestimmt, dass direkt unter dem Ofenplatz ein Gasboiler verbaut ist. Und dass sie es nicht so toll findet, wenn ich fleißig Feuer mache und der Boiler möglicherweise in die Luft geht.
Portugal, ich liebe dich. Wirklich. Aber manchmal bist du ein harter Gegner.
Während mein Mitbewohner sich auf die Suche nach einer Gasheizung machte, lag Solovino entspannt im Flur und schaute mich mit diesem Blick an, der sagt: „Rhino, das ist alles dein Problem, ich hab’s warm genug.”
Mario und die Experia – langsam wird’s
Parallel zu meinem Erkältungsdrama werkelte Mario weiter an meiner Energica Experia. Wer ist Mario? Der Mann ist schlicht eine Legende auf zwei Rädern. Café Racer, Shopper, Rennmotoren mit 424 PS Rekordleistung – Mario hat alles gebaut, modifiziert und zum Laufen gebracht, was einen Motor hat. Und weil er eigentlich auch noch ein Airbnb mit Motorradtouren betreibt, weiß er auch, was ein Motorrad aushalten muss. Genau der Richtige also, um die Experia reisefest zu machen.
Es ist viel Bastlerei, das sage ich ehrlich. Aber es wird. Stück für Stück. Und ich stehe daneben, putze die Nase und kann es kaum erwarten, endlich wieder auf zwei Rädern zu sitzen.
Solovino und ich verbringen die Wartezeit am Strand. Für schlimmere Schicksale gibt es keine Versicherung.
Und dann: Der Einschlag
Ich hatte gerade begonnen, an das Ende des Tunnels zu glauben. Mario schraubt, ich werde gesünder, der Van soll verkauft werden, und dann geht’s endlich auf zwei Rädern los. Und dann passiert es.
Der Generator ist weg.
Nicht verlegt. Nicht vergessen. Geklaut. Aus dem Van raus, während er irgendwo stand. Die Power Station, die ich brauche, um die Energica Experia überhaupt laden zu können – das Herzstück dieser ganzen Reise – ist einfach nicht mehr da.
Ich sitze im Van, Solovino liegt neben mir, und ich versuche, das zu verarbeiten. Erst denke ich, ich muss mich vertan haben. Ich schaue nochmal nach. Und nochmal. Dann mache ich Inventur. Und es wird noch schlechter: Nicht nur die Power Station ist weg. Helm und Motorradjacke haben die Diebe auch noch mitgenommen. Zusammen nochmal mindestens 1.000 Euro – wobei das hier nicht mal das Schlimmste ist. Helm und Jacke habe ich gesponsert bekommen. Die gehören irgendwie nicht nur mir. Dieses Gefühl, dass da jemand nicht nur in mein Hab und Gut, sondern auch in das Vertrauen meiner Unterstützer greift – das tut weh. Das tut richtig weh.
„Diese Wut auf mich selbst, nicht besser aufgepasst zu haben. Gepaart mit der Wut auf denjenigen, der mir das geklaut hat.”
Ich sage es, wie es ist: Das war einer dieser Momente, in denen man am liebsten alles hinschmeißen würde. Schreien. Abbrechen. Heimfahren und das ganze Abenteuer an den Nagel hängen.
Die Polizeistation und zwei Stunden Warten mit Solovino
Wenigstens die Bürokratie läuft wie gewohnt. Ich fahre zur Polizeistation in Figueira da Foz, um Anzeige zu erstatten. Der Pförtner bittet mich, im Auto zu warten – jemand kommt runter. Zwei Stunden später halte ich zwei Zettel in der Hand: einen für eine Versicherung, die ich nicht habe, und eine Auftragsnummer für den Fall, dass ich die gestohlenen Artikel irgendwo online auftauchen sehe. Solovino hat die Wartezeit genutzt, um ausgiebig zu dösen. Prioritäten hat er, der Hund.
Ein Tag Achterbahn – und dann: Klarheit
Was mich selbst überrascht hat: Wie schnell sich die Gedanken sortieren, wenn man ihnen ein bisschen Zeit lässt. Ich habe einen Tag gebraucht. Einen Tag Wut, Frust, Trauer, Selbstvorwürfe, noch mehr Wut – und dann irgendwann so etwas wie Stille.
„Dinge kommen, Dinge gehen – das ist Teil der Reise.”
Ich muss meinen Plan ändern. Klar. Die Power Station kostet gut 1.000 Euro und ist in Portugal nicht zu kaufen. Also neuer Plan: Mario bekommt mehr Zeit, den Rahmen der Experia richtig zu verstärken. Dann fahre ich mit dem Motorrad zurück nach Deutschland. Zwei Monate arbeiten, die Ausgaben reinholen. Und dann – und das ist der Teil, der mich ehrlich gesagt ein bisschen kribbelig macht – geht’s über Osteuropa und die Ukraine Richtung Asien.
Nicht der Plan, den ich hatte. Aber vielleicht der Plan, den ich brauche.
Lissabon: Ein Baum, suspekte Typen und Raviolis am Steg
Weiter Richtung Süden. Der Van rollt, das Motorrad schläft im Laderaum, Solovino schaut aus dem Fenster. Unterwegs überquere ich eine Brücke, die so eng ist, dass ich Schweißausbrüche bekomme – und über der noch ein Zuggleis verläuft. Zum Glück kommt gerade kein Zug.
In Lissabon angekommen, wandere ich zwei Stunden durch die Stadt, schaue mir die Christus-Statue an und lande am Ende des Tages an einem Steg direkt am Wasser. Ich mache Raviolis auf dem Campingkocher, Solovino schnuppert an allem, was nicht niet- und nagelfest ist, und am anderen Ende des Stegs hängt eine Gruppe von Menschen rum, die mir ein bisschen zu suspekt ist. Nicht einzeln – aber als Gruppe definitiv zu viele auf einmal.
Am Ende schlafe ich trotzdem dort. Keine Probleme. Lissabon, du hast mich wieder.
Ach ja – und falls hier Biologen mitlesen: Kann mir jemand erklären, was das mit diesen Bäumen in Lissabon auf sich hat? Von oben sehen sie aus wie viele einzelne Stämme. Von unten ist es ein einziger, fetter Wurzelblock – mit einem hohlen Kern. Ist das ein Baum, der sich aufgeteilt hat? Oder mehrere, die zusammengewachsen sind? Ich bin ratlos.
Was bleibt
Am Ende dieser Folge stehe ich mit weniger da als vorher. Weniger Ausrüstung. Weniger Geld. Weniger Gewissheit darüber, wann genau diese Reise so wird, wie ich sie mir vorgestellt habe.
Aber irgendwie auch mit mehr. Mehr Klarheit darüber, worauf ich mich wirklich verlassen kann. Mehr Vertrauen in den nächsten Schritt, auch wenn ich den übernächsten noch nicht sehe. Und vielleicht – vielleicht – mehr Verständnis dafür, dass die eigentliche Richtung dieser Reise nicht immer nach Süden zeigt.
„Vielleicht ist die eigentliche Richtung nicht Süden, sondern nach innen. Nicht immer einfach, aber echt.”
Die ganze Geschichte – inklusive Solovino am Strand, Mario beim Schweißen und mir beim Warten vor der Polizeistation – gibt’s in der zweiten Folge von Rhino on the Road:
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