Tag 110 in Zagra: Olivenbäume, Solar-Tricks & das Abenteuer, allein zu sein

Tag 110. Wir sind in Zagra, einem kleinen weißen Dorf in Südwest-Spanien, und ich lerne gerade, dass Reisen manchmal auch bedeutet: stehen bleiben, tief durchatmen – und klug genug sein, das Motorrad nicht wieder aufheben zu müssen.

Von der Höhle ins Dorf – Dankbarkeit auf Spanisch

Wer die letzte Folge gesehen hat, weiß: Meine Zeit in der Höhle war so na ja, nennen wir es mal ein unfreiwilliges Experiment in Sachen Resilienz. Cesar und Bea haben mich dann zum Glück eingeladen, bei ihnen zu übernachten. Gestern haben wir das Bike noch ziemlich abenteuerlich durch die engen Gassen des Dorfes manövriert – die Strecke, die ich nie wieder vergessen werde. Heute? Heute darf ich einfach mal ankommen. Die Energica Experia steht, Solovino schnüffelt zufrieden durch die Gegend, und ich trinke Kaffee, als wäre das die normalste Sache der Welt.

Es gibt Momente auf dieser Reise, in denen man vergisst, dass man gerade ein Experiment fährt. Dass man gerade versucht, auf ausschließlich erneuerbarer Energie nach Asien zu kommen. In solchen Momenten ist man einfach nur ein Mensch in einem schönen Dorf. Und das ist auch gut so.

250 Jahre alter Olivenbaum – und er macht noch Überstunden

Der Morgen gehört den Olivenplantagen. Ich folge Solovino, der natürlich schon drei Kurven weiter vorne ist, durch Reihen alter Bäume. Cesar erklärt mir unterwegs, was ich da eigentlich anschaue. Die obere Reihe – 90 Jahre alt. Rechts unten – 30. Daneben vielleicht 20. Und dann, zwischen all diesen schon respektablen Bäumen, stehe ich plötzlich vor einem, der alles in den Schatten stellt.

250 Jahre. Der Baum ist 250 Jahre alt.

Ich stehe da und versuche, das in Relation zu setzen. Als dieser Baum gepflanzt wurde, gab es noch kein Deutschland in dem Sinne, wie wir es kennen. Und er trägt noch immer Früchte. Alle zwei Jahre, in einem Zyklus aus Ruhe und Produktion, bringt er 350 Kilogramm Oliven – was dann ungefähr 160 Liter Öl ergibt. Das ist kein Baum. Das ist ein Lebenswerk. Mehrere Lebenswerke, wenn man ehrlich ist.

Solovino interessiert das alles herzlich wenig. Er schnüffelt an den Wurzeln, als hätte er Wichtigeres zu tun. Vielleicht hat er das.

Solar-Improvisation in der engen Gasse

Zurück in Zagra. Die Energica braucht Strom, und wir haben ein Problem: Die Gassen hier sind eng, steil und schattig. Kein perfektes Umfeld für Solarpaneele. Aber wir haben Cesar – und Cesar hat Ideen.

Die Lösung: Wir hängen die Paneele einfach an die Hauswand. Senkrecht. In einer weißgekalkten Gasse in Südspanien, die Sonne macht ihren Job, und das Motorrad lädt. Es ist nicht elegant. Es ist auch nicht die Lösung, die in irgendeinem Handbuch steht. Aber es funktioniert. Und in dem Moment, in dem der Ladevorgang läuft, sage ich einen Satz, der alles trifft:

„Da macht das Reisen doch auch gleich wieder Spaß.”

Impliziert: Es hatte zwischendurch aufgehört, Spaß zu machen. Das ist die ehrlichste Zusammenfassung der letzten Tage, die ich liefern kann.

Na ja, Scheiße. Mache ich das jetzt – oder nicht?

Am Nachmittag will ich eine Schlucht erkunden. In der Nähe soll ein schöner Berg sein, ein See irgendwo dahinter, Olivenhaine auf der anderen Seite. Solovino ist sofort dabei, er ist ja immer dabei. Wir fahren los.

Und dann stehe ich am Eingang zu einem rutschigen, matschigen Weg. Zu viel Wasser im Flusslauf. Der Boden sieht aus wie eine Entscheidung, die man bereuen kann.

„Na ja, Scheiße. Mache ich das jetzt oder mache ich das jetzt nicht?”

Ich mache es nicht. Und ich sage euch warum: Ich habe echt keinen Bock heute das Motorrad wieder aufstellen zu müssen. Schon gar nicht hier draußen, ganz allein. Das klingt vielleicht nicht nach großem Heldenmut. Aber nach dem, was in den letzten Tagen passiert ist – und vorgestern, und vorvorgestern – ist das schlicht und ergreifend die klügste Entscheidung, die ich treffen kann.

Allein zu reisen bedeutet, dass es keinen gibt, der mit anpackt, wenn die 260-Kilo-Maschine im Schlamm liegt. Das ist keine Jammerei. Das ist Risikomanagement. Ich frage Cesar später, ob wir das nächste Mal gemeinsam herkommen. Zu zweit würde ich es sofort probieren, einfach um zu wissen, ob ich durchkomme. Allein? Nicht heute.

Endlich einfach nur zum Spaß fahren

Was dann passiert, ist fast schon ungewohnt: Ich fahre einfach. Keine Mission, kein Ziel, kein Problem zu lösen. Heute fahre ich tatsächlich seit langem mal wieder einfach nur zum Spaß. Das klingt banal. Auf einer Weltreise sollte das doch immer so sein, oder?

Ist es nicht. Meistens steckt hinter jeder Fahrt eine Notwendigkeit. Akku laden. Unterkunft finden. Route navigieren. Solovino versorgen. An diesem Nachmittag in Zagra – da fahre ich einfach. Mit dem Wind, mit dem Hund in der Box, durch andalusische Landschaft, die einen vergessen lässt, dass es Probleme gibt.

Kurzer Abstecher zum Baumarkt in Locher – leider kein Cord gefunden, den ich für Winos Box brauche. Auch Cesars Styropor-Idee für die Hundebox funktioniert letztlich nicht so wie erhofft. Aber das ist okay. Manchmal scheitern auch die einfachsten Lösungen, und man fährt trotzdem mit einem Lächeln zurück.

Burgruinen bei Sonnenuntergang – Solovino thront über Zagra

Den Abend nutzen wir für die Burgruinen direkt oberhalb des Dorfes. Man erreicht sie zu Fuß, und Solovino ist natürlich der Erste oben. Er läuft durch alte Gemäuer, schnüffelt an Jahrhunderten Geschichte und stellt sich dann an den Rand – Blick hinunter auf Zagra, auf die Olivenhaine, auf alles, das wir heute erlebt haben.

Es ist einer dieser Momente, für die es keine Filter braucht. Das Licht ist weich, das Dorf liegt still da unten, und mein Hund – der mir einmal in Mexiko als streunender Welpe zugelaufen ist – steht da wie ein kleiner König und schaut auf Spanien hinab.

Diese Reise ist mehr als nur Kilometer. Sie ist ein Experiment, ein Traum und ein Weg. Tage wie dieser erinnern mich daran, warum ich aufgebrochen bin.

Die ganze Folge – und was als nächstes kommt

Zagra bleibt noch ein bisschen. Es gibt noch mehr zu lösen, mehr zu erkunden und mehr Olivenbäume, die mir das Gefühl geben, dass 250 Jahre eine völlig angemessene Zeitspanne für alles Mögliche sind – auch für eine Weltreise von Deutschland nach Bangladesh.

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Alle Infos, Episoden und die Geschichte hinter der Reise findest du auf RhinoOnTheRoad.com.

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